... oder auch: warum Brillenträger schlau aussehen.
Die relativ umständliche Handhabung der Lesesteine wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts verbessert: die Linsen wurden kleiner und flacher geschliffen, in einen Rahmen gesetzt und konnten nun mit einem Stiel direkt ans Auge gehalten werden - auf diese Weise war das Sehfeld größer und das Lesen einfacher. Zudem beschränkte sich die vergrößernde Wirkung nicht mehr nur auf Schrift und andere "flache Dinge", sondern alles konnte mit neuer Schärfe betrachtet werden.
Während sich die Verwendung von einer Linse nur noch in dem berühmten Monokel fortsetzte, begann man bald wegen der besseren Handhabung für jedes Auge eine eigene Linse anzufertigen. Die beiden maximal 3 Zentimeter durchmessenden Gläser wurden in eine Fassung gesetzt und miteinander verbunden - das Grundprinzip der heutigen Brille war erfunden.
Die neue Erfindung wurde gerade von den Gelehrten hoch gelobt - so erwähnt der Dominikanermönch Giordano da Rivalto in seiner Predigt vom 23. Februar 1305, dass die vor gerade 20 Jahren erfundene Kunst der Brillenherstellung eine der besten und notwendigsten wäre. Die besten Gläser wurden in Murano produziert, denn nur sie verstanden es besonders gut, weisses Glas herzustellen und schließlich zu Augengläsern zu schleifen - ab 1300 gab es die ersten Qualitätsregelungen für diesen Exportschlager.
Jede einzelne Brille war durch die verwendeten Materialien und die für die Herstellung nötige Kunstfertigkeit eine kleine Kostbarkeit, die sich nur die Reichen und die Gelehrten leisten konnten.
Hier beginnt vermutlich auch eines der noch heute mit der Brille verbundenen Klischées - da Schriftgelehrte besonders auf eine Lesehilfe angewiesen waren, assoziiert man noch heute das Tragen einer Brille mit Gelehrsamkeit, entweder im positiven Sinne als gebildet und seriös oder im negativen als die "langweilige Brillenschlange", die nichts als ihre Bücher kennt und das Leben nicht zu genießen versteht. Die Gleichsetzung von Brille und Gelehrsamkeit war so groß, dass mittelalterliche Darstellungen nicht davor zurück schrecken, die Apostel mit einer Nietbrille abzubilden.
Während bei den ersten Brillen die eingefassten Gläser mit einem Faden verbunden wurden, hatte die Nietbrille einen Rahmen aus Eisen, Holz oder Horn. Die beiden einzeln gefaßten Gläser wurden an dem Rahmen zusammen genietet.
Die Nietbrille wurde nicht aufgesetzt, sondern vor die Augen gehalten - ein Prinzip, das sich noch einige Zeit erhalten sollte.
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